Leseprobe

Eines Morgens wachte ich ziemlich nachdenklich auf. Es war noch dämmerig und nur ein feiner Hauch von Rot schimmerte am Horizont. Die Sonne wollte gerade heraufsteigen und die Tiere in der Savanne wecken. Noch herrschte eine schläfrige Ruhe in unserer Oase. Jedoch spürte ich, dass es nicht länger so bleiben wollte. Das Leben regte sich und bald würde ein Gewimmel von Füßchen, Pfoten und Hufen die Savanne beherrschen. Die ersten goldgelben Strahlen kündigten einen heißen Tag an.

 

Mein Kopf kuschelte zwischen den Vorderbeinen meiner Mutter und ihres rhythmisch auf und ab bewegenden Bauches. Ein wundervoller Schlafplatz voller Geborgenheit und Kraft und dennoch genügend Freiheit für mein kühnes wildes Herz. Ich mochte keine Einschränkungen und auch nicht still und genügsam hinter Mama und den anderen Erwachsenen herlaufen, während wir nach Futter suchten. Ich liebte die freie, ungezwungene Bewegung inmitten der Weite unserer Welt. Mich lockte die Wildnis und auf Erkundungswegen ihre Bewohner und Geheimnisse kennenzulernen.

 

Etwas zu mutig, sagst du? So allein den Gefahren ausgesetzt, denkst du? Vielleicht hast du recht; wohl möglich, dass es riskant ist, unbedacht der Gefahren entgegen zu gehen. Stimmt. Ich bin jedoch kein Kleinkind mehr, auch wenn mein Hals es mir vorerst nur erlaubt, die leckeren Blätter der kleinen Schirmakazien zu erreichen. Ich fühle mich schon sehr groß. Und schon lange bin ich größer als ein ausgewachsener Mensch. Jawohl.

 

Der König der Savanne hat einmal gesagt, und das macht mich immer noch unglaublich stolz, dass wir Giraffen ein ganz besonderer bewundernswerter Teil hier sind. Alle Bewohner der Savanne, nein eigentlich alle auf der Welt, muss ich dazu sagen, haben ihre Besonderheit, einen natürlichen Reiz, versprühen Funken von Glanz und Einmaligkeit. Nicht mal jeder graue dickhäutige Elefant ist gleich! Wenn du mal ganz genau hinschaust und beobachtest, merkst du kleine Unterschiede im Äußeren: die verschiedenen Ohren, Beine, Rüssel und auch im Wesen. Sind alle in deiner Familie gleich? Und keinen kann man sich weg denken, oder?